KI · Cybersicherheit
Project Glasswing: Anthropics KI findet tausende Sicherheitslücken – und bleibt der Öffentlichkeit verwehrt
Das Modell Claude Mythos entdeckt Zero-Day-Schwachstellen in praktisch jedem Betriebssystem und Browser. Rund 40 Partnerorganisationen erhalten Zugang – für defensive Zwecke, finanziert mit 100 Millionen Dollar.
Mit „Project Glasswing“ hat Anthropic eine der ambitioniertesten Cybersicherheits-Initiativen der KI-Ära gestartet: Das Modell Claude Mythos Preview hat in Tests eigenständig tausende Zero-Day-Schwachstellen in allen großen Betriebssystemen und Webbrowsern gefunden – darunter kritische Lücken, die teils mehr als zwei Jahrzehnte alt sind und zuvor jeder menschlichen Prüfung entgangen waren (tech-insider.org).
Zu mächtig für die Öffentlichkeit
Weil die Fähigkeiten des Modells auch offensiv nutzbar sind, hat Anthropic auf eine allgemeine Verfügbarkeit verzichtet. Stattdessen erhält ein begrenzter Kreis Zugang: elf Gründungspartner wie AWS, Apple, Microsoft, Google, CrowdStrike, Palo Alto Networks, NVIDIA und die Linux Foundation sowie insgesamt rund 40 Organisationen, die kritische Software betreiben (cloudsecurityalliance.org). Anthropic stellt 100 Millionen Dollar an Nutzungsguthaben sowie vier Millionen Dollar direkte Spenden an Open-Source-Sicherheitsorganisationen bereit.
Messbare Schlagkraft im August
Ein Update vom 14. August 2026 belegt die Fähigkeiten des Modells konkret: In Anthropics eigenem ExploitBench-Test gelang Claude Mythos Preview die Ausführung beliebigen Codes bei 21 von 41 realen Schwachstellen der JavaScript-Engine V8 – das beste öffentlich verfügbare Modell erreichte nur 2 von 41 (explainx.ai). Der Zugang erfolgt über die Claude-API, Amazon Bedrock, Google Vertex AI und Microsoft Foundry – zum Preis von 25 Dollar pro Million Input- und 125 Dollar pro Million Output-Tokens.
Fluch und Segen der Automatisierung
Cybersicherheitsexperten bewerten die Initiative ambivalent. Der Angriffssoftware-Anbieter Radware weist darauf hin, dass generative KI die „Demokratisierung der Offensive“ beschleunige: Werkzeuge, die einst Nationalstaaten vorbehalten waren, gerieten zunehmend in die Hände von Laien – das Messer schneide in beide Richtungen (radware.com). Zugleich liefert eine Analyse von VulnCheck ein nüchternes Gegenwicht zum Hype: KI-gestützt entdeckte Schwachstellen würden bislang nicht häufiger ausgenutzt als andere, die Ausbeutungsrate liege bei rund 1,3 Prozent der bekannten, aktiv genutzten Schwachstellen (explainx.ai).